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4. Wozu eigentlich Bildungsbeauftragte?

Eine provokante Frage. Bildungsbeauftragte soll es auf allen Gliederungsebenen der SPD geben. So hat es der Bundesparteitag 2001 empfohlen. Doch warum?

Warum sollte es sie geben?

Einerseits: Die SPD sieht eine Aufgabe für alle Gliederungen der Partei darin, innerparteiliche Bildungsangebote zu organisieren. Dies hat der SPD-Parteivorstand 1976 beschlossen und vor einigen Jahren auf einem Bundesparteitag bekräftigt. Durch die Benennung von Bildungsbeauftragten soll die Bildungsarbeit aktiviert werden.

„Die Bildungsbeauftragten sind bei ihrer Arbeit von den zuständigen Gliederungen zu unterstützen“, heißt es in dem Parteitagsbeschluss.

Die Bildungslandschaft innerhalb der SPD ist vielerorts lebhaft. Sie besticht durch interessante Veranstaltungen zu aktuellen und grundsätzlichen Politikfeldern, durch hochwertige Vermittlung von Fachkompetenzen und Schlüsselqualifikationen für das politische Handwerk und durch handlungsorientierte Lernprozesse.

Andererseits: Wer den ungeschminkten Blick auf die SPD wagt, stellt auch fest, dass nicht einmal in einem Fünftel aller Vorstände in Ortsvereinen, Unterbezirken oder Landesverbänden Bildungsbeauftragte benannt sind. Im Mittelpunkt der SPD steht Bildungsarbeit demnach wohl kaum, eher am Rand des politischen Lebens.

Trotzdem: „Bildungsbeauftragter zu sein, stellt für mich eine der spannendsten Tätigkeiten in der Ortsvereinsarbeit da“, sagt zum Beispiel Servet Köksal. Der 30-Jährige bekleidet seit nun 5 Jahren das Amt des Bildungsbeauftragten im OV Wuppertal-Barmen - wie 2.000 andere Genossinnen und Genossen bundesweit. Auch wenn es manchmal beschwerlich ist, bringt die Erfüllung der Aufgaben sehr viele positive Erfahrungen für alle Beteiligten. Anja Reutlinger (49), OV-Bildungsbeauftragte vom Niederrhein, ermuntert ausdrücklich dazu, die „Fähigkeiten und Schlüsselqualifikationen unserer Mitglieder“ zu sammeln, denn es gibt „so viele! Sie gilt es zu nutzen und anderen zu vermitteln. Damit werden wir an Basiswissen reicher und können anders in die politische Diskussionen gehen.“ Das „Hamburger Programm“, unser Grundsatzprogramm, stellt fest: „Nicht Systeme, sondern Menschen ändern die Verhältnisse. Eine bessere Zukunft kommt nicht von selbst, sie muss erdacht und erstritten werden. Eine Partei kann immer nur so stark sein wie die Menschen, die ihre Werte teilen und unterstützen.“ Die Bildungsbeauftragten sind dazu da, die Mitglieder zu stärken und zu ermutigen.

Was sind die Aufgaben von Bildungsbeauftragten?

Die SPD hat sich auf allen Ebenen die gemeinsame Aufgabe gesetzt, Breiten-, Nachwuchs- und Spitzenförderung zu betreiben.

Ziel unserer Bildungsarbeit ist es,

  • Räume zur politischen (Weiter-)Bildung zu schaffen,
  • neue und bekannte Inhalte zu erarbeiten und zu überprüfen,
  • Positionsfindung, -festigung und -reflektion zu unterstützen,
  • unsere Mitglieder für die Übernahme von Verantwortung vorzubereiten,
  • ihnen einen Methodenkoffer anzubieten, dessen Nutzen sie in der politischen Arbeit unterstützt.

Die Bildungsarbeit verwirklicht den Dreiklang von Können, Wissen und Handeln.

Aufgabenspektrum der Bildungsbeauftragten:

  • Weitergabe von Bildungsinformationen und Angebote der politischen Bildung an Mitglieder und interessierte Bürgerinnen und Bürger im persönlichen Gespräch, per E-Mail, per Post oder in Web2.0-Formaten.
  • Planung, Anregung und ggf. Durchführung von eigenen Bildungsveranstaltungen.
  • Kontakte pflegen zur Friedrich-Ebert-Stiftung und zu regionalen Bildungswerken und Trägern der Erwachsenenbildung (Volkshochschulen, etc.).
  • Sichten, Prüfen und Auswählen deren Angebote.
  • KooperationspartnerInnen suchen innerhalb der Partei für gemeinsame Bildungsangebote (andere Ortsvereine, andere Unterbezirke, Arbeitsgemeinschaften …).
  • KooperationspartnerInnen suchen außerhalb der Partei für gemeinsame Bildungsveranstaltungen.

Tipp: Nicht alle Aufgaben werden alle Bildungsbeauftragten gleichermaßen erfüllen können. Suche Dir das aus, was Dir am leichtesten fällt und erweitere Jahr für Jahr für Deinen Tätigkeitsbereich.

„Bildungsarbeit ist so vielfältig wie ihre Beauftragten.“ Davon ist Axel Püttner (35), Bildungsbeauftragter aus Hamm/Westfalen, überzeugt. Und auch sein Berliner Genosse Tobias Kühne rät zu Selbstbewusstsein und Selbstbestimmung: „Die Funktion eines/einer Bildungsbeauftragte/n muss von der betreffenden Person selbst definiert und ausgefüllt werden“.

Wer ist dafür geeignet?

Wie alt, wie jung, wie erfahren muss jemand sein, um die Funktion Bildungsbeauftragte/r gut auszuüben? Muss ein akademischer Abschluss vorliegen, möglichst sogar in einer pädagogischen Fachrichtung? Nein. Wichtig sind vor allem eine Haltung und Einstellung, die folgendes berücksichtigen:

SPD-Mitglieder sind heute nicht mehr so angepasst und „folgsam“ wie es früher der Fall war. Der Politikwissenschaftler Elmar Wiesendahl weist darauf hin, dass wir es „heutzutage mit kompetenten, selbstbewussten und anspruchsvollen Mitgliedern zu tun“ haben. Diese Grunderkenntnis sollte die Haltung von Bildungsbeauftragten prägen.

Die innerparteiliche Bildungsarbeit ist kein Instrument zur Vermittlung von Beschlussvorlagen.

Bildungsbeauftragte sollten unbedingt vermeiden, die Mitglieder politisch missionieren zu wollen oder Bildungsangebote für „Strömungszwecke“ zu nutzen. Ganz in diesem Sinne rät auch Angela Madaus, Bildungsbeauftragte im Ortsverein Pliezhausen, Baden-Württemberg: „Keine oberlehrerhafte Belehrung, sondern Kampf der innerparteilichen Verkrustung“.

Die Gemeinsame Konferenz der Bildungs- und Mitgliederbeauftragten findet vom 19.-20. Februar 2016 in Springe. Die Tagesordnung mit dem Anmeldeformular ist hier: bmb_konferenz_februar_2016.pdf

Möglichkeiten, die Mitglieder für die Angebote zu gewinnen

Dem Kampf um Aufmerksamkeit muss sich auch die Bildungsarbeit stellen. Folgende Aspekte können hilfreich sein:

  • Anschlussfähig zur Praxis: In der Politik ist die Praxis die beste Lehre. Deshalb finden Lernangebote mit unmittelbarer Praxisrelevanz großen Zuspruch. Die Lerninhalte müssen praxistauglich, also anschlussfähig sein. Das täuscht nicht darüber hinweg, dass auch theoretische und geschichtliche Inhalte einen Praxisbeitrag leisten.
  • Attraktivität: „Warum nicht mal zum Thema Verbraucherschutz eine Radtour über umliegende Bauernhöfe inklusive Besichtigung machen?“, schlägt der Westfale Axel Püttner vor. Er weist damit auch auf den möglichen Erlebnischarakter von aktiven Lernformaten hin. Heute wichtiger denn je: Beteiligungsorientierte Angebote sind wesentlich interessanter als Frontalunterricht.
  • Mund-zu-Mund-Propaganda: Zufriedene Teilnehmende sind die besten BotschafterInnen für die nächsten Seminarangebote.
  • Stetigkeit: „Regelmäßige Bildungsarbeit, ca. eine Veranstaltung im Quartal“, empfiehlt Dmitri Geidel, OV-Bildungsbeauftragter in Berlin-Marzahn-Hellersdorf. Der Turnus variiert entsprechend der lokalen Gegebenheiten, aber ein fester Rhythmus fördert die Bekanntheit und Akzeptanz.
  • Nutzen: Der Nutzen muss für die Zielgruppe ersichtlich sein. Das Interesse muss bereits bei der Ausschreibung / Bewerbung deutlich werden.
  • Erkennbarkeit: Eine wiederkehrende Überschrift für das Bildungsangebot steigert die Erkennbarkeit, mit Bildungswerkstätten macht beispielweise die SPD in Moers gute Erfahrungen.
  • Kooperation: Wer mit anderen gemeinsame Sache macht, erreicht bei guter Zusammenarbeit in der Regel mehr bei akzeptablem Aufwand.
  • Finanzen: Eine Messlatte dafür, wie ernst es die Partei mit der Bildungsarbeit meint, stellt auch das Budget dar, das ihr zugestanden wird. Nicht alles muss teuer sein, keine Frage. Aber Bildungsarbeit braucht auch eine materielle Grundlage. In zahlreichen Unterbezirken haben die Bildungsbeauftragten einen festen Anteil des Gesamtbudgets zur Verfügung. Vorbildlich stellt der Unterbezirk Rhein-Sieg (3.300 Mitglieder) jährlich 5.000 Euro für die Weiterbildung bereit. Tipp: Eine fixe Größe (x Euro/Mitglied) oder X-Prozent der Gesamteinnahmen bringt für alle Beteiligten Planungssicherheit. Wenn der Parteitag, die Mitgliederversammlung abstimmen muss und vorher darüber debattiert wird, nutzt das auch dem Stellenwert der Bildungsarbeit.